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Kursiu Nerija - Wintertage im März ...

Nach knapp sechs Monaten ist es endlich erneut so weit: Es geht wieder nach Nordosten!



In Ermangelung eines eigenen, geeigneten Gefährts zu Lande, wählen wir diesmal das Flugzeug und einen Mietwagen um in den litauischen Teil der Kurischen Nehrung zu gelangen. Bereits die Internetrecherche nach preiswerten Mietwagen zeigt eklatante Unterschiede in Preis und Versicherungsleistung auf. Wir beschließen irgendwann, kraft autoritärer Wirkung, daß einfach kein Unfall geschehen wird, der Wagen nicht geklaut wird und erstehen für 133 Lat (ca. 190 EURO) für eine Woche ein kleines, gelbes koreanisches Gefährt von/bis Riga-Airport in Lettland. Da sich inzwischen auch in Low-Cost-Carrier-Kreisen herumgesprochen hat, daß sich Europa etwas nach Osten ausgedehnt hat, gelangen wir zu zweit für ca. 170 EURO in etwa eineinhalb Stunden von Berlin nach Riga. Das S-Bahn-Ticket zum Schönefelder Flughafen ist um 4:40 Uhr abgestempelt, Start pünktlich um 7:05 Uhr und um 9:40 Uhr Ortszeit (MEZ +1h) landen wir in RIX. Solveiga von der Mietwagenfirma glänzt durch Abwesenheit und nur durch beherztes Hinterhertelefonieren läßt sie sich mit einstündiger Verspätung doch noch blicken. Die Büros ihrer Mitbewerber sind zwar fast alle besetzt, doch um einiges teurer. Wir trinken Kaffee und ärgern uns nicht, da der Blick aus dem Fenster lediglich Schneeregen und bedeckten Himmel preisgibt. Gegen 11 Uhr kommt sie endlich, wir bekommen unseren Wagen und der Himmel klart etwas auf. Wir beschließen heute in der Stadt zu bleiben und erst morgen die etwa 350 km zur Nehrung hinter uns zu bringen.

Direkt gegenüber des Bahnhofs wissen wir von einem günstigen Hotel. Der Eingang ist nur zu erahnen und geschickt hinter einer winzigen Tür versteckt. Die findet man irgendwann, geht einige Schritte und tritt bedächtig an ein schmales Schalterfenster. Dahinter verbirgt sich natürlich kein Portier sondern vielmehr eine Gralshüterin vermietbarer Unterkünfte verschiedener Preiskategorien. Frage ich dann auch noch unverschämter weise nach einem preiswerten Doppelzimmer verschlechtert sich die Laune meiner Respektsperson zunehmend. Nichts desto Trotz erhalten wir für 12 Lat (ca. 18 EURO) den Schlüssel für ein einfaches, sauberes Zimmer im zweiten Stock. Den Tag verbummeln wir in der Stadt und essen köstlich in einer der zahlreichen „Kavine“ etwas abseits der großen Boulevards.

Am nächsten Morgen machen wir uns bei durchwachsenem Wetter auf den Weg nach Klaipeda zur Fähre auf die Nehrung. Die Straßen sind geräumt und wir ziehen gemütlich an immer gleichen flachen Schneelandschaften vorbei. Die innerbaltischen Grenzen wirken seit dem EU-Beitritt etwas verlassen und nur vereinzelt werden Stichproben gemacht. Uns möchte niemand kontrollieren und gegen 16 Uhr erreichen wir den Hafen von Smiltyne wo uns direkt vor der Nase die Fähre wegfährt. Freundlich erklärt uns ein Mitarbeiter den Weg zur etwa vier Kilometer südlich gelegenen, größeren Autofähre. Auf dem gerade ablegende Schiff haben Bewohner der Nehrung Vorrang, so daß die etwa ein Duzend Pkw-Plätze schnell vergeben sind. Auf der südlichen Fähre sind wir die ersten am Schlagbaum und gelangen für 35 Litas (ca. 10 EURO) mit unserem Auto auf die Nehrung. Der Preis schließt die Rückfahrt automatisch mit ein. Die Überfahrt dauert nur wenige Minuten und passend zum Erreichen der Nehrung klart der Himmel etwas auf. Wir beschließen in Nida Quartier zu suchen und müssen, nachdem wir an der Einfahrtskontrolle zum „Kursiu Nerija National Park“ in Alksnyne 15 Litas Gebühr für die Einreise mit dem Pkw bezahlt haben, noch etwa 50 Kilometer nach Süden in Richtung der Grenze zum Kaliningrader Gebiet überwinden. Die alte Poststraße von Königsberg nach St. Petersburg verläuft jetzt als Nehrungsstraße einmal quer über das gesamte Gebiet. Von Norden kommend verläuft sie vielfach direkt am Haffufer entlang, wodurch man einen atemberaubenden Blick auf das noch zugefrorene Haff bekommt.

In Nida, dem Verwaltungszentrum des litauischen Teils, gelangen wir mal wieder auf die klassische Weise zu unserm Quartier für die nächsten Tage. Der Wirt der zentralen Kneipe ist zufällig mit der Vermieterin der schönsten Wohnungen von ganz Nida verheiratet. Die Verhandlungen beginnen bei 90 Litas pro Nacht und enden mit unserem Verweis „so teuer sei es ja noch nicht einmal im russischen Nehrungsteil“ schließlich bei 60 Litas (ca. 17 EURO). Hierfür bekommen wir eine Wohnung mit separatem Schlafzimmer, offener Küche mit Wohnraum und einem Blick auf den Hafen. An dieser Stelle sei auch mal ein Vorurteil entkräftet, daß irgendwie über dem gesamten Baltikum schwebt: Der Antipathie gegen alles Russische. Des öfteren kommt man mit Englisch oder Deutsch nicht weiter – die höfliche Frage nach der Möglichkeit auf russisch zu kommunizieren wird stets gleich beantwortet: Hier sprechen sowieso alle russisch. Bis auf ganz wenige Ausnahmen hatten wir nie Probleme mit der Sprache der eigentlich ungeliebten Sowjetvergangenheit.

Nida hat mit dem verträumten Nehrungsdorf Nidden aus deutscher Zeit nichts mehr gemeinsam. Überall sieht man Zimmer zur Vermietung, eine Vielzahl an Hotels und Restaurants stehen dem Besucher zur Verfügung. Jetzt zum Ende des Winters scheint Nida allerdings noch in einer Art Winterschlaf zu liegen. Das Haff ist noch so stark gefroren, daß allmorgendlich viele Bewohner mit dem Motorschlitten zum Eisangeln auf das Haff herausfahren und erst spät am Nachmittag zurückkehren. Alles liegt unter einer reinen, weißen Schneedecke bedeckt und der Tag gleitet gemütlich dahin. Vom Hafen gelangt man über die Taikos Gatve zur hohen Düne und dem sogenannten Tal des Schweigens. Martialisch erhebt sich dieses zweitgrößte Dünengebiet des litauischen Nehrungsteil auf einer Höhe von knapp 50 Meter nach Süden zur russischen Grenze. Durch den permanenten Wetterumschwung ergeben sich innerhalb weniger Stunden immer neue Farben- und Formenspiele des wolkenreichen Himmels. Auf die Dünen gelangt man entweder über einen befestigten Fußweg, der sich aber jetzt im März vollständig vereist der oben gelegenen Aussichtsplattform entgegenschlängelt. Alternativ kann man auch mit dem Auto einen Parkplatz auf der anderen Seite der Düne, etwas unterhalb der Plattform erreichen. Von hier aus sind es dann nur noch einige Minuten Fußweg zur gigantischen Sonnenuhr neben dem Aussichtsplatz. Wie immer man auch dorthin gelangt, der schier grenzenlose Ausblick ist überwältigend. Der Wind pfeift einem allerdings ordentlich um die Ohren, so daß die gefühlte Temperatur deutlich unter der des, den Gefrierpunkt anzeigenden Thermometer, liegt. Eine meiner beiden Kameras versagt immer wieder ihren Dienst. Das Tal des Schweigens durchstreife ich die ersten beiden Tage: Egal ob vom höchsten Punkt, inmitten der verschneiten Sandberge, oder vom Haffufer aus: die visuellen Eindrücke sind irrwitzig und einfach nur atemberaubend schön.

Den dritten Tag unseres Aufenthalts verbringen wir in Juodkrante, dem früheren Schwarzort. Gelegen an Kilometer 31 von Süden aus gesehen, gilt dieser Ort als einer der wechselvollsten der Nehrung. In den 1920er Jahren beschrieb der Heimatforscher Oscar Schlicht dieses Fleckchen Erde mit den treffenden ,Worten: „Keine Stelle (der Nehrung) hat solchen lieblichen Wechsel zwischen See und Haff, geheimnisvolle Schluchten und mit hochstrebenden Fichten bestandenen Hügeln.“ Nun ist natürlich auch Juodkrante im 21. Jahrhundert angekommen, aber gerade in der Stille eines winterlichen Märztages ergeben sich stetig neue surreale Stimmungen, die geradezu nach Aufnahmen in Schwarzweiß verlangen. Zunächst stärken wir uns mit einem Teller kräftigem Borsch in einer kleinen Gaststätte der Ortsmitte und spazieren dann einfach die, parallel zur Nehrungsstraße verlaufende „Promenade“ entlang. Vorbei am kleinen Hafen zum alten Ortsteil Karwaiten im Süden mit seinen hölzernen Fischerhäusern und wieder zurück wo nur wenige Meter hinter dem Ortsausgang Fischerboote und Ausflugsdampfer im Haff vom Frost festgehalten werden. Gefundene landschaftliche Stilleben um die Seele baumeln zu lassen ...

Wir kaufen geräucherten Fisch und Kartoffeln und beschließen bei Bier und Vodka zufrieden, wenn auch leicht unterkühlt, diesen Tag.

Tag vier ist für das Dünengebiet nördlich von Perwalka reserviert. Gelegen zwischen Kilometer 20 und 23 aus südlicher Richtung erreicht hier die „litauische Sahara“ mit 53 m ihren höchsten Punkt. Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz in der Nähe des „Nagliai Naturreservat“ ab und gelangen nach etwa 30-minütiger Wanderung durch einen verzweigten Kiefernwald zum Nagliu ragas (Negelnschen Haken). Der Ausblick auf das Haff in nördliche und südliche Richtung ist gleichermaßen imponierend. Steillwandig fällt die Haffküste herab und unter immer wieder aufziehenden Wolken bietet sich ein kilometerlanger Ausblick über eine verschneite, gefrorene Landschaft. In diesem Teil der Nehrung erscheinen die Sandberge je nach eigener Position wie Pyramiden und man wird sich über die gewaltige Kraft der Natur bewußt. Bereits 1447 sind in dieser Gegend die ersten Fischerhäuser erwähnt. Einige historische Quellen bekunden eine Siedlung namens Negelen, andere nennen sei Aigella. Verbürgt ist die Lage bei Kilometer 24 bis 26. 1860 fand man hier einen gerade freigewehten Friedhof und weiter südlich Steine und Scherben. Überreste von Alt-Negeln, von den Dünen im Jahr 1675 eingeholt. Nach dem Verwehen im 17. Jahrhundert errichteten die Bewohner südlich der alten Stelle erneut ihr Dorf Negeln. Aber sowohl 1723, wie auch 1748 mußten sie immer wieder den heranrückenden Dünen weichen. 1854 gaben schließlich die letzten Bewohner auf und verließen ihr Dorf. In nur 180 Jahren, innerhalb von sieben Generationen ist Negeln insgesamt viermal um rund sieben Kilometer nach Süden gewandert. Es ist somit durchaus möglich, daß man bei einer Dünenwanderung auf der Kirchturmsspitze irgendeines Negeln steht.

Auf dem Rückweg zum Auto verliere ich kurzfristig die Orientierung in diesem 1.680 ha großem Gebiet und folge schließlich meinen eigenen Fußspuren die sich glücklicherweise bestens im tiefen Schnee abzeichen.

Nachdem wir vier ganze Tage mit einer Wetterlage, welche nicht besser sein konnte verwöhnt wurden, klart es am Morgen des fünften Tages leider nicht mehr auf und wir beschließen den Rückweg anzutreten. Noch einmal geht es kilometerlang am vereisten Haff vorbei; ziehen Fischerschuppen mit Aalreusen an uns vorüber bis wir schließlich wieder die Fähre erreichen. Auch diesmal sind wir die ersten und müssen nur kurze Zeit warten. Da unser Rückflug erst am übernächsten Tag von Riga geht, beschließen wir einen kurzen Abstecher nach Vilnius zu machen und dort auch zu übernachten. Von meinem letzten Besuch in Vilnius kenne ich noch das Gästehaus „Elektros Tinklai“ am nördlichen Rande der Altstadt unweit der quirligen „Hales-Markthalle“. Hier übernachtet man recht preiswert für 48 Litas (ca. 14 EURO) und wir geben das gesparte Geld lieber für ein opulentes Mal in einem russischen Restaurant namens „Sankt Peterburga“ aus. Hier verwechseln sie zwar Rind- und Schweinefleisch – die Qualität ist aber bestens und ein wenig melancholisch beschließen wir bereits an diesem Abend, mit etwas zuviel Vodka, im Geiste diese Etappe der baltischen Rundfahrt. Das Wetter bessert sich nicht und man nächsten Nachmittag  sind wir wieder in Riga. Gleiches Hotel, gleiches Zimmer aber eine gar nicht mehr muffelige Concierge erklärt uns: dafür das man jetzt den Eingang neu gestaltet hat – das stimmt auch wirklich – kostet das Doppelzimmer ab heute 13 Lat.

Am nächsten Morgen endet dann auch wirklich eine wundervolle Woche voll visueller Höhenflüge am Flughafen von Riga. Auch bei unserer Abreise ist Solveiga von der Mietwagenfirma wieder nicht im Büro und wir werfen die Papiere und Schlüssel in den Briefkasten. Zu unserer großen Verwunderung meldet sie sich drei Tage später telefonisch in Berlin und bestätigt das alles in Ordnung sei. Anfang der folgenden Woche finde ich ihre Rechnung in der Post. Irgendwie fühle ich mich an den Süden Europas erinnert.

„Paldies“ nach RIX