Ich weiß nicht genau wie ich mir das Kaliningrader Gebiet eigentlich vorgestellt habe. Ein wenig Ostpreußen, gehörig sowjetisch und freudig postkommunistisch. Gleich vorweg, es ist von allem etwas. Wenn ich den alten Namen Königsberg höre muß ich immer an Großtanten, Blätterkrokant und Vorkiregsgeschichten denken. Noch nicht einmal 700 km trennen Berlin und Kaliningrad. Knapp 500 davon entfallen auf polnische Landstraßen die sich schlaglochlos zum Grenzposten Mamonovo entlangschlängeln. Wir brauchen eine Nachtfahrt, erreichen zum Sonnenaufgang das ehemalige militärische Sperrgebiet und bringen Zoll,- Wagenversicherung und Einreisezirkus entspannt und sonderaufwandslos hinter uns.
Von der Grenze aus bilden Allen die 50 km in die Hauptstadt der russischen Enklave. Weitere 30 km in Richtung Norden verlangen behutsames Umgehen mit dem Wagen. Wir müssen waschbeckengroße und ebenso tiefe Straßengruben rechts oder links umrunden und zahllose kleine Dörfer passieren bis wir am Beginn der Kurischen Nehrung angelangt sind. Zelenogradsk (Cranz), eine Kleinstadt an der Samlandküste bildet das Tor zur Nehrung. Die Einfahrt zur Nehrung wird mittels Schlagbaum überwacht, dessen Überwindung 20 Euro pro (ausländischem) Pkw kostet. Hier verläuft die alte Poststraße (Königsberg - St. Petersburg) die sich jetzt als Nehrungsstraße kilometerlang durch ebendiese, ständig gesäumt von ausgedehnten Wäldern zieht. Ein paar Parkplätze entlang der Straße geben Gelegenheit zu Fuß die teilweise nur wenige hundert Meter breite Nehrung zur Ostseeküste nach Westen oder zum Haff nach Osten zu inspizieren.
In Rybacij (Rossitten) suchen wir Quartier. Es ist Mittag und allenthalben wird an alten und neuen Holzhäusern gezimmert und gewerkelt. Das Hotel möchte zuviel unsere Reisekasse entnehmen so daß wir uns für eine private Unterkunft entscheiden. Jeder der nicht gerade auf einem Dach handwerkert oder prallgefüllte Einkaufstaschen umherwuchtet, wird mit der immer gleichen Frage nach einer Beherbergung konfrontiert. Nach einigen Malen haben wir Glück. Jwegeni bedauert das sein Gästezimmer noch nicht fertig ist, weiß aber einen Bekannten, dessen Nachbar Zimmer an Reisende vermietet. Unaufgefordert überläßt er den halbgestrichenen Gartenzaun sich selbst, steigt zu uns ins Auto und lotst uns durch das 11.000 Seelen-Dorf. Der nachbarschaftliche Bekannte ist leider nicht zu Hause, aber der Einfallsreichtum und die Freundlichkeit unseres neuen Mitfahrers bleibt davon ungetrübt. Wir steuern eine kleinen Militätrstützpunkt an. Hinter dem in die Jahren gekommenen Wächterhäusschen kommen drei hagere Soldaten hervor und beginnen die Verhandlungen über eine eventuelle Untervermietung eines der vielen leerstehenden Zimmer in dem kasernenähnlichen Gebäude. Nebenbei erfahren wir das an diesem Ort zu früherer Zeit mehrere hundert Soldaten stationiert waren - von denen seien aber nur sie übrig geblieben und so recht wissen sie auch nicht, was sie eigentlich hier bewachen sollen. Auf jeden Fall haben sie viel zu große Mützen auf den Köpfen und wirken wenig respektierlich wenn sie mit linkischer Coolness an ihren Zigaretten ziehen. Die angestrebte Anmietung scheitert an irgendetwas und wir machen uns wieder auf die Suche. Die Mitarbeiterin eines kleinen Lebensmittelgeschäfts weiß schließlich Rat und verweist uns an die Lehrerin der hiesigen Dorfschule. Galina heißt sie und bewohnt mit Ehemann, Sohn, einem Boxerrüden und Katze ohne Namen ein zweistöckiges Haus unweit der Küste. Wir verhandeln über den Preis und werden uns schließlich bei 400 Rubel (ca. 12 Euro) für die Nacht einig. Kühlschrank und Wasserkocher inklusive.
Unser Zimmer liegt im ersten Stock und wenn wir scharf um die Ecke aus dem Fenster lucken sehen wir entfernt das Haff. Das Bad teilt man sich gewöhnlich mit den anderen Gästen, bleibt uns aber alleine überlassen. Es ist noch zu früh im Jahr erklärt uns Galina; die ersten Gäste kämen gewöhnlich erst im Mai oder Juni. Das einzige geöffnete Restaurant des Ortes beschreibt sie uns alles gut aber sehr teuer. Im vergangenen Sommer habe die Wirtin der kleinen Bar hinter dem Laden im Ort immer für ihre Gäste gekocht. Wir sollen dort nachfragen und uns auf sie berufen.
Ein oranges Schild weißt den Weg zum versteckten Eingang der Kneipe. An drei Bierzelttischen sitzen Arbeiter und trinken Bier aus Flaschen, Jugendliche bedienen Spielautomaten und immer wieder kommt jemand herein, bringt oder holt etwas ab. Es ist laut und die Heizung währe besser nicht abgedreht. Wir geben vor von Galina zu kommen und fragen nach dem Essen. Das sei völlig ausgeschlossen, jetzt außerhalb der Saison und außerdem gehe das sowieso nur mit Voranmeldung. Wir lächeln, bestellen jeder ein Bier sowie getrockneten Fisch und werden kurz darauf in resolutem Tonfall für morgen abend um 20 Uhr - aber bitte pünktlich, sonst würde ja alles kalt - zu Pelmeni und Salat zitiert. So wollen wir es für nächsten drei Tagen ebenfalls halten.
Der nächste Morgen beginnt früh. Bereits vor sechs Uhr geht die Sonne auf und ich möchte das weiche Morgenlicht natürlich zum photographieren nutzen. Stativ und Kameras geschultert fahre ich die Nehrungsstraße in Richtung litauische Grenze etwa zehn Kilometer nach Norden. Das Auto bleibt auf einem Parkplatz zurück und es geht zu Fuß weiter in Richtung Haff. Einige Kilometer Wald voll feuchtem, morgendlichem Geruch. Erst auf bemoosten, bald wechselnd zu sandigem Untergrund. Steil steigt der schmale Pfad plötzlich an und meine Großstadtlunge verlangt nach einer Pause. Entfernt dringt das typische Geräusch des Küstenwindes an mein Ohr. Ich vermute nur noch einige Höhenmeter und ich habe die Ebene erreicht. Nach einigen Minuten stehe ich auf einer Anhöhe und es scheint mir, als habe ich den Planeten gewechselt. Vom Wind zerfurchte, sich ständig verändernde Formen. Weiche, fließende Gestaltungen auf gigantisch großen Gefällen. Saharagleich, nach einer halben Körperdrehung zum Hinterland vermutet man sich vielleicht in der Toskana, der Provence - doch glaubt man nicht zwischen Ostsee und Haff zu stehen. Und doch ist es wahr. An einigen Stellen folgt der Blick kilometerweit nur über Sand, von nichts zergliedert. An anderen wiederholt sich das typisch kleine Dünengestrüpp. Und egal an welcher Stelle man von Nehrungsstraße zum Haff hinüberwechselt, immer wieder ist man von der schier unendlichen Weite, der faszinierenden Größe und der Verzauberung der Landschaft überwältigt. Manchmal steht man am Fuß einer Dünenkette, blickt hinauf und erkennt wie unbedeutend klein und entbehrlich ein Mensch in dieser beispiellosen Natur erscheint. Es gibt etwa ein Dutzend Parkplätze zu beiden Seite der Landstraße von denen es manchmal nur einige hundert Meter zum Haff oder der Küste sind. An anderen Stellen muß man schon mehrere Kilometer, durch liebliche Küstenlandschaft wandern um den, für alle Anstrengungen lohnenden Ausblick genießen zu dürfen. Die westliche Küstenseite ist waldreicher und hat meist Ufer wie fast überall an Nord- und Ostsee. Wenige Meter in die Höhe ragende Dünen, mal flach, mal seicht abfallend und dann den Strand sanft ins Wasser mündend. Spannender ist freilich die östliche Haffseite. Sie begrenzt das "Binnenmeer" zur Ostsee und wartet mit eben diesen gigantischen Dünenlandschaften auf, die in ihrer Einzigartigkeit nur hier in Europa zu finden sind. Die höchsten Punkte liegen bei etwa 60 m und der ewigen Wind formt täglich ein neues Naturschauspiel.
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Wir verlassen die Kurische Nehrung und machen uns auf den Weg nach Jarntarny (Palmnicken), 50 km westlich von Kaliningrad., in das einzige Bernsteintagebaugebiet der Welt. Über 90% der Weltproduktion des baltischen Goldes stammen aus dieser Region. Einst, selbst den Bewohnern des Kaliningrader Gebietes ein nicht zugänglicher Ort, kann er mittlerweile von jedermann besucht werden. Offiziell ist noch eine Genehmigung über ein Reisebüro einzuholen, eine Kontrolle fehlt allerdings. Wir fahren einfach hin und niemand stört sich daran. Kompliziert gestaltet sich hingegen der Einlaß auf das Minengelände. Zunächst erklärt man uns die absolute Unmöglichkeit dieses Unterfangens und der Anblick eines Kamera gestaltet die Verhandlung nicht gerade einfacher. Charme und Beharrlichkeit gewinnen aber doch die Oberhand. Nach einer halben Stunde kommunikativen Umgang öffnet sich wundersam und wie selbstverständlich für 120 Rubel das schwere Eisentor. Wir fahren auf eine Anhöhe und blicken über ein gigantisches Areal. Etwa 60 Meter tief stürzt der Abgrund herab. Unten fahren schwere LKW´s Unmengen von Sand und Geröll hin- und her. Das Gebiet erstreckt sich etwa über die Größe mehrerer Duzend Fußballfelder und ist von einem mächtigen Pipelinesystem durchzogen. Tiefe Furchen zergliedern das Areal in unterschiedliche Höhenzonen.
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Der Sicherheitschef bekundet stolz die rapide Senkung der Diebstalrate. Seit seine Truppe aus St. Petersburg die Moskauer Gang abgelöst hat ist die Diebstahlquote von 30 auf 10% gesunken. Aber immer noch ist es für ihn unerklärlich wie einige Arbeiter trotz strengster Kontrollen die wertvolle Fracht - der Kilopreis liegt bei etwa 140 Euro - heraus schmuggeln können. Er berichtet von Fällen wo seine eigenen Augen unablässig auf eine Transportkiste eines Arbeiters gerichtet waren. Am Kontrollpunkt angekommen war die Kiste trotzdem leichter als zuvor. In einem gut verstecktem Museum bekommen wir nach zahlreichen Kontrollen einen persönlichen Vortrag der einzigen Museumsmitarbeiterin zu den einzelnen Schritten der Bernsteinverarbeitung. Direkt neben der Kirche des Ortes unterhält xxx eine Firma zur Schmuckverabeitung. Nachdem wir dem Chef dreimal hinterher telefoniert haben, gewährt er uns Einlas in seine heiligen Räume und wir können dem Prozedere der Verarbeitung vom Feinschliff bis zur fertigen Kette, Ring, etc. beiwohnen.
Die Landstraße führt uns weiter an den südlichen Zipfel des Samlands nach Baltijsk (Pillau). Hier liegt Rußlands einziger eisfreier Hafen und die gegenwärtig drittgrößte Marineeinheit des Landes: die baltische Flotte. In Ermangelung militärischer Notwendigkeiten liegen allerdings die Schiffe fast alle träge vor Anker und die Matrosen putzen und pinseln den ganzen Tag vor sich hin.