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Estland im Herbst - Inseln, Mythen und Herrenhäuser ...
Da bekanntlich alles irgendwann einen Abschluss haben muss, breche ich nun also zur finalen Etappe auf, um die noch fehlenden Gebiete zu erkunden. Auf dem Landweg mache ich mich via Warschau (PL), Kaunas (LT) weiter über Riga (LV) um schliesslich von der kleinen Hafenstadt Virtsu (EST) auf die größte der estnischen Inseln, Saaremaa inmitten des Rigaer Meerbusens überzusetzen. Schon auf den vergangenen Fahrten hatte ich das Gefühl, das polnische Strassennetz werde immer größer. Diesmal allerdings breche ich sämtliche Rekorde in Bezug auf Langsamkeit. Geschlagene drei Tage brauchte ich um im Nordwesten Estlands anzulanden. Gesperrte Verbindungsstrassen, ein liegengebliebener sowie ein quer über der Fahrbahn umgestürzter Lkw führen zu Dauerstau.
Saaremaa - Mythen und endlose Horizonte ...
Am Freitag, 30. Sept. erstehe ich endlich für 155 EEK (ca. 11 EURO) mein Fährticket vom estnischen Festland nach Kuivastu auf Muhu. Ein bizarres Bild entsteht. Die Landseite liegt unter wolkenverhangenem Himmel - auf der gegenüberliegenden Inselseite scheint hingegen die Sonne. Eine passende Aufteilung wie mir scheint. Nach einer halben Stunde Überfahrt erreiche ich das Archipel. Von Muhu - ein Saaremaa vorgelagertes kleines Inselchen - führt ein 3,6 km langer Damm zu meinem eigentlichen Ziel Saaremaa. Gemütlich geht es einem sonnendurchbrochenem Wolkenhimmel entgegen. Nach etwa 60 km erreiche Kuressaare, die Inselhauptstadt im Südosten.
Alles überragend markiert hier die guterhaltene Ordensburg unmittelbar am Meer das Zentrum des Städtchen. Wie soviele Orte im Baltikum wurde auch Saaremaa vom Deutschen Orden erobert. Bereits 1227 begann der Orden mit dem Bau der Arensburg, die dem Ort über Jahrhunderte seinen Namen gab. Das quadratische Bauwerk erhielt zur Jahrhundertwende des 14./15.-Jhd. eine mächtige Schutzmauer die der trutzigen Festung ihr noch heute gültiges Aussehen verleiht. Sie hatte wechselnde Besitzer zu überstehen: mal verkauft an Daenemark zu Beginn des livischen Krieges; dann erobert durch die Schweden; fiel sie schliesslich nach dem Nordischen Krieg an Russland. Die konnten allerdings mit dem, für sie strategisch uninteressanten, Bauwerk nicht soviel anfangen und strichen sie 1836 sogar endgültig von der Liste ihrer Festungsanlagen.
Am kommenden Morgen breche ich zunächst nach Kaali auf. Ca. 20 km im Landesinneren liegt der sagenumwobene See von Kaali. Über die Entstehung dieses, mit ungefähr 55 m Radius recht kleinen, Sees ohne natürlichen Zulauf ranken sich seit jeher eine Vielzahl von Sagen und Mythen. Einmal erblickte der Sohn der Sonne ein wunderschönes Mädchen, verliebte sich sogleich unsterblich in sie und ritt über eine goldene Himmelstreppe zur Erde hinab. Diese Treppe schien dem Willen des himmlischen Romeo allerdings weit weniger hold zu sein wie seine Auserwählte und stürzte kurzerhand in sich zusammen. Sein mächtiger - selbstredend ebenfalls goldener - Hut wurde dabei in die Tiefe geschleudert, prallte auf die Erde und riss ein tiefes Loch in den Boden. Der Kaali-See war geboren. Schöner finde ich allerdings die Version trunkener, verschwenderischer Gutsherren, die während einer Orgie mitsamt ihren Gästen in der Tiefe des Erdreichs versunken sind. Wie nun hingegen das Wasser in den See gelangt ist erklärt keine Variante. Nicht uninterresant ist, dass gemäß archeologischer Berechnungen zufolge, der geographische Punkt wo Phaeton aus der griechischen Mythologie vom Himmel zur Erde stürzte ebenfalls an der Stelle des Kaali-See auszumachen ist. Die wahre Erklärung ist, wie meist - und übrigens der Tümpel selbst auch - naturwissenschaftlich simpel: Um etwa 700 v. Chr. schlug ein rund 1.000 t schwerer Meteroit unweit des heutigen Schulhauses von Kaali ein. Aber für jeden Saaremaa-Este ist das natuerlich Blasphemie - Mythisches geht besser.
Weiter geht es etwa 25 km nach Norden. In dem verträumten Ort Angla findet man einige der letzten für Saaremaa so typischen Blockwindmuehlen. Inmitten eines Mühlenquintetts findet sich sogar eine holländische Konstruktion. Wahrscheinlich ein Experiment, doch das weiß hier niemand. Jedenfalls noch vor 100 Jahren sollen auf der ganzen Insel annähernd 800 dieser Mühlen in Betrieb gewesen sein. Nett anzuschauen aber eine überschwengliche Begeisterung für diese architektonischen Nutzobjekte stellt sich - jedenfalls bei mir - nicht ein.
Viel spannender finde ich hingegen die Ostküste der Kudema Bucht ca. 30 km nordöstlich von hier. Nach einstündiger Fahrt über Staubpisten darf ich einen wundervoll, imposanten Blick auf die Ostsee geniessen. Die Steilküste von Panga fällt auf einer Höhe von 21 m senkrecht ins Meer ab und das flache Wasser in Küstennähe schimmert erst sanft und klar in zartem Grün, bevor es, in tieferen Regionen, sein typisches, kräftiges Blau erhält. Ich verweile einige Zeit und blicke lange in in die herrliche Endlosigkeit des westlichen Horizont.
Derart maritim beflügelt möchte ich den Tag natuerlich mit Fisch auf dem Speiseplan ausklingen lassen. Ganz im Süden der Insel soll es das beste Restaurant für ein solches Vorhaben, samt Blick auf den Leuchtturm von Sorve und das offene Meer geben. Das Meer ist zwar offen, der Leuchtturm romantisiert optisch vor seichtem Abendrot; nur das Restaurant ist natürlich geschlossen. Also steuere ich das nächste Geschäft an und greife am späten Abend selbst zur Bratpfanne.
Hiiumaa - Leuchttürme und Einsamkeit ...
Mit der Abendfähre setzte ich um 20 Uhr von Saaremaa nach Hiiumaa, der kleineren der beiden großen estnischen Inseln, über. Nach einer Stunde erreiche ich im stockfinsteren den Hafen von Soru. Am nächsten Morgen beginne ich meine Inselrundfahrt in der "Inselhauptstadt" Kaerdla. Was hier zunächst wie ein wilder Haufen herumliegender Äste und Zweige erscheint, gibt auf den zweiten Blick mal wieder eine estnische Eigenart preiß. Im Wald nahe der Strasse stehe ich mitten im Ristimaegi, dem Kreuzberg auf halbem Weg nach Korgessaare. Zur Geschichte: Bis weit ins 18. Jhd. wurde Hiiumaa von einer großen schwedischen Gemeinde bewohnt, denen ihre persönliche Freiheit recht wichtig erschien. Gräfin Ebba Margarete Stenbrock - damals nahezu absolutistische Herrscherin über das kleine Eiland - mochte allerdings diese moderne Lebensauffassung gar nicht und beklagte sich lieber bei der russischen Zarin Katharina II über dieses Uebel. Da russische Herrscher, gleich welchen Geschlechts nicht lange fackeln und ihr Freiheit ohnehin als ein suspektes Gut erschien, ließ sie sämtliche freiheitsliebenden Schweden in die ferne Ukraine deportieren. Einen letzten Gottesdienst gestand sie ihnen noch zu und der war genau an dieser Stelle. Seit dieser Zeit ist es üblich, zum Gedenken an die Deportierten ein Kreuz aus den Materialien des Waldes aufzustellen. Ganz nebenbei sollen heutzutage auch noch Singels baldigst ihr passendes Gegenstück finden und heiraten nachdem sie ein Kreuz aufgestellt haben. Ich habe nur ein ganz kleines Kreuzlein aufgestellt, welches maximal zum schwedischen Gedenken reicht. Etwa 15 km nördlich liegt die Tahkuna-Halbinsel. Am Ende einer traumhaften, typisch nordischen Landschaft steht der Leuchtturm von Tahkuna und ein Denkmal für die am 24. September 1994 gesunkene Fähre Estonia. Dessen Glocke hängt an einer derart ausgetüfftelten Stahlkonstruktion das sie nur dann mahnend erklingt, wenn sowohl Windstärke als auch Windrichtung mit denen in der Unglücksnacht übereinstimmen. Auf dem weiteren Weg nach Südosten komme ich zunächst am imposanten Leuchtturm von Koepa vorbei, um anschliessend in der Bucht von Kaina mit der ihr vorgelagerten Insel Kassari die wohl menschenleerste Gegend der Region vorzufinden. Stille sowie schlicht und einfach traumhafte Landschaften, die schon sehr an Skandinavien errinnern. Hier beschliesse ich den Tag und gehe am nächsten Mittag von Helterma, der unweit von hier gelegene Hafen auf das Schiff nach Rohkuella auf dem estnischen Festland.
Happsalu - Einfach nett ...
Nachdem ich die Fähre in Rohkuella verlassen habe gelange ich nach nur wenigen Kilometer in ein wahrhaftes Bilderbuchstädtchen. Schon Peter der Große kurte gerne und oft in Haapsalu direkt am Meer. Hier geht irgendwie alles betulich und erhabener vonstatten. Der ehemalige Bahnhof stammt aus dem Anfang des 20. Jhd. und hat sich seit dem auch nicht verändert. Eine recht einfache Holzkonstruktion, angestrichen in dem wärmsten Rotton den ich seit langem gesehen habe. Eisenbahnbegeisterte werden an den auf verzweigten Gleisen abgestellten Stahlkolossen vergangener Tage ihre wahre Freude haben. Ich wollte zwar auch als Kind nie Lokomotivfuehrer werden (glaube ich jedenfalls), interessant finde ich es hier aber allemal. Durch die Burgruine und Bischofskirche aus dem 13. Jhd. werden glücklicherweise keine Touristenhorden gelotst und das goldene Oktoberlicht taucht hier alles in eine fast romantische Stimmung. Und um die perfekt zu machen ziehen Schwäne majestetisch - und in aller Ruhe natuerlich - ihre Runden aum das schmuke Kurhaus in zartem lindgrün unmittelbar an der geschützten Meeresbucht. Es ist einfach nett hier.
Narva - ein Hauch vom Ende Europas ...
Estland dürfte wahrscheinlich das einzige Land dieser Erde sein, dass auf einem seiner Geldscheine defacto ausländisches Territorium zeigt. Auf dem 5-Kronen-Schein sieht man neben der estnischen Hermanburg in Narva auch ihr russisches Gegenstück, die Festung von Iwangorod. Narva liegt im äussersten Nordosten des Landes - 210 km von Tallinn entfernt - und bildet mitten in der Stadt eine Grenze zu Russland. Bis St. Petersburg sind es nur noch 140 km. Der Fluss Narva als Namensgeber teilt die Stadt in zwei Hälften. Aber mit dieser Tradition lebt die Stadt seit Jahrhunderten mal schlecht, mal recht. Mit Ausnahme der 50-jährigen Zwangsintergration in die UdSSR stiessen hier immer wieder unterschiedliche Interessenslagen aufeinander. 1213 errichteten hier zunächst die Dänen die Hermanburg, der 1492 die russische Festung Iwangorod folgte, nachdem Mitte des 14. Jhd. weite Teile Estlands durch einen Verkauf an den Deutschen Orden übergingen deren erklärter Feind Iwan III bekanntlich war. Wärend der schwedischen Zeit herrschte - wie vielerorts im Lande - verhaeltnismässige Ruhe, ehe sich 1704 das Zarenimperium Narwa endgültig einverleibte. Neben der besagten Burg und der Möglichkeit in das russische Riesenreich herüber zu lucken, gibt es eigentlich nicht allzuviel zu entdecken. Narva ist noch nicht Russland, aber auch nicht mehr Estland. Auf den Strassen sitzen Babuschkas neben ihren hübschen Enkelinnen umher und hier und da torkelt einem schon einmal bereits am Vormittag ein fröhlicher Zechbruder entgegen. Vor einigen Jahren hat die hiesige Polizei gar eine mehrere Kilometer lange Vodka-Pipline aus der Narva gefischt. Geschaeftstüchtige Gesellen hatten sich so das krasse Preisgefälle beim hochprozentigen russischen Nationalgetränk zu Nutze gemacht und den klaren Schnaps hektoliterweise von Ost nach West gepummt. Viele Straßenschilder sind bereits kyrillisch und der estnische Bevölkerungsanteil liegt nur bei vier Prozent. Als nahezu rein russische Stadt darf er natürlich nicht fehlen: Lenin! Überragte er noch vor einigen Jahren einen zentralen Platz in der Nähe der heutigen Grenze, muss er heute mit einer fast vergessenen Nische im Stadtpark vorlieb nehmen. Ganz von ihm trennen wollte man sich wohl nicht. Immerhin ist er der letzte seiner Art im Baltikum, sieht man von der obskuren Sammlung im litauischen Grutas-Park einmal ab. Nichtsdestotrotz hat Narva einen gewissen Charme. Zumindest wenn man - wie ich - einen Tick fuer Grenzstädte hat und immerhin endet hier der Teil Europas den wir so gerne mit dem goldenen Sternekranz auf blauem Grund bennen.
Am Peipsisee - mal wieder mythisches ...
Von Narva geht es Richtung Süden, wo nach etwa 80 km der riesige Peipsisee erreicht ist. Hier allerdings nur von einem See zu sprechen, ist eine gelinde Untertreibung. Flächenmässig dürfte z.B. der Bodensee etwa acht mal in den Peipsisee an der Grenze zu Russland passen. Ich habe ständig das Gefühl am Meer zu sein. Aus dem Weg in das verschlafene Fischerdorf Kallaste zieht sich die Straße unaufhörlich direkt an der Küste entlang, so daß der ein oder andere traumhafte Blick auf das Binnenmeer gelingt. In Kallaste selbst erreiche ich den "roten Berg", eine bis zu acht Meter hohe Steilküste die das Südsufer des Dorfes zum See hin abfallen läßt. Besonders im frühmorgendlichen Sonnenlicht entstehen wunderbar warme Bilder im Auge des Betrachters. Von dieser Naturerscheinung hat der Ort übrigens seinen Namen: "Kallas" heisst übersetzt Ufer oder auch Uferkante. Nach ein paar Kilometer in Richtung Tartu passiere ich den kleinen Ort Alatskivi. Hier liegt in einem netten Park, eingebettet in eine sanfte, hügelige Landschaft, das Herrenhaus des Barons von Nolcken. Es unterscheidet sich von anderen baltischen Herrenhäuser durch sein schottisches Vorbild Balmond Castle. Gebaut zwischen 1876 und 1882 fügt es sich, mit seinem mittlerweile leicht maroden Charme, perfekt in die herbstliche Landschaft ein. Zu der hügeligen Landschaft der Gegend gibt es natürlich wieder eine passende Sage: Der Riese "Kalevipoeg" - sozusagen der Urvater aller estnischen Mythenfiguren - baute sich hier sein Bett. Doch um an diesem Ort seinen Hügel der Ruhe zu errichten, bedurfte es Unmengen von Sand, den der Riese vom nahen Seeufer heranschleppte. Bei diesem Unterfangen rieselte ihm eine Menge desselben durch seine großen, groben Haende. Aus genau diesem Sand ist diese Landschaft entstanden. Und wer weiß; vielleicht stammte der Sand ja genau von der Küste in Kallaste und ließ deswegen das Land so plötzlich im See enden ?
Der Südosten - Herrenhäuser und Geschichten ...
Zentrum des Südosten Estlands ist die zweitgrößte Stadt und zweifellos der geistige Mittelpunkt des Landes ist Tartu. Sich selbst bezeichnet die Stadt gerne als das Oxford des Baltikums. Das mag zwar - angesichts einer Einwohnerzahl von nur 100.000 eine gelinde Übertreibung sein, die Academia Gustaviana ist allerdings das wesentliche Aushängeschild der Stadt. Mit ihrem Gründungsjahr 1632 ist sie eine der ältesten Universitäten überhaubt. Erste urkundliche Erwähnungen gehen auf das 7. Jhd. zurück. Die altestnische Festung Tarbatu soll im heutigen Stadtgebiet gestanden haben. 1224 vom Schwertbrüderorden erobert war sie ab zehn Jahre später befestigter Bischofssitz. Der deutsche Name Dorpart stammt von einer hiesigen Handelssiedlung, die sich 1280 der Hanse anschloß und vor allem durch den Handel mit Russland zu erheblichem Wohlstand gelangte. Obwohl mithin eine mittelalterliche Stadt zeigt sie sich heute dem Betrachter doch eher wie aus dem Lehrbuch spätbarock-klassizistischer Architekten entsprungen. Zar Peter der Großer eroberte persönlich mit seinen Truppen 1704 die Stadt und ließ sie anschließend - wie man es gerne zu seiner Zeit tat - nahezu dem Erdboden gleich machen. Den Rest erledigten vier Großbrände im Verlauf des 18. Jhd.: Daher also das heutige Aussehen. Doch das steht tartu gut zu Gesicht. Allenthalben durchstreifen Studenten die Stadt und verleihen ihr so ihr besonderes Flair. Zentrum ist natürlich der Rathausplatz von dem alle wichtigen Wege abgehen. Direkt dahinter erhebt sich der Toomemägie, der Domhügel, auf den man am besten gelangt, indem man die Lossi heraufschreitet und durch die Engelsbrücke, einer hübschen Holzkonstruktion von 1838 samt universitärer Widmung - Otium refict vires (Muße stärkt die Kräfte) - weiter nach oben tritt. Und Muße verspricht der Domhügel durch seine geziehlte Aufforstung in der Tat. Inmitten des Parks, unterhalb eines Hügels, verbrennen nach alter Tradition die Studenten in der Nacht vor dem Examen ihre Aufzeichnungen in der Hoffnung dadurch ein gutes Ergebnis zu erziehlen. Ein Hauch von Hokuspokus muß wohl auch in der estnischen Inteligenzia verrauchen.
Der Südosten Estlands ist aber auch das Land der deutschbaltischen Lansitze und Herrenhäuser. Haben viele von ihnen zwar die wirren Zeiten und unterschiedlischen politischen Systeme nicht, oder nur schwer ruinös, überstanden, so gibt es im Umkreis von Tartu doch eine Reihe sehenswerter Objekte. Über die Landstraße 45 nach Süden geht es zunächst nach Ahja mit seinem Herrenhaus von 1740 und direkt weiter nach Räpina, wo sich ein majestetischer klassizistischer Bau aus dem frühen 19. Jhd. aufbaut. Inmitten eines, nicht weniger herrschaftlichen Park, läßt sich durchaus erahnen in welcher Opulenz hier residiert wurde. Auf der weiteren Fahrt komme ich am Suur Munamägi vorbei. Die mit 318 m höchste Erhebung des Baltikums - von einem Berg möchte ich bei dieser Höhe nicht wirklich sprechen - gibt recht freundliche, schier nur grüne Landschaften preis. Auf der Aussichtsplatform weist ein wuchtiger Messingkompass den Weg in alle Himmelsrichtungen. Luftlinie nach Berlin sind es von hier nur gut 1.000 km. 50 km weiter westlich gelange ich zu einem Schloß, welches etwas aus der Reihe tanzt. Hier steht eine detailgetreue Kopie - wenngleich etwas kleiner wie ich glaube - des britischen Windsor Castle. An dieser Stelle stand bereits im 13. Jhd. ein prächtiges Gutshaus im Besitz des Bischofs von Tartu. 1881 lies Friedrich Gustav von Berg hier sein feudales Anwesen errichten. Der auf der Rückseite tieferliegende See verleiht dem ganzen einen besonderen Charme. Sangaste ist auch eines der weinigen Herrenhäuser die man von innen bewundern kann. Hier wirkt alles allerdings düster und lehr. Nichtsdestotrotz einen Blick wert. Graf von Berg war übrigens eine der wenigen Landeigentümer, dem nach der sozialistischen Landreform 1919/1920 sein Besitz gelassen wurde. Der in jungen Jahren reiselustige von Berg brachte von seinen ausgedehnten Exkursionen allerlei Agrargeräte und Nutzpflanzen mit nach Hause und entwickelte später daraus eine für Estland speziell geeignete, kälteresistente Roggensorte: den - wen wundert der Name - Sangaste-Roggen. Der brachte ihr 1912 erst die landwirtschaftliche Goldmedaille des Zaren und eben acht Jahre später seinen eigenen Besitz. 40 km weiter westlich erzählt man sich die Geschichte eines unglücklichen, nicht zur Ruhe kommenden Mädchen. Imer mal wieder wandelt ihre Seele in der Burgruine von Helme umher. Das ganze Ambiente der 1265 von den Schwertrittern erbaute und während eines schwedischen Angriffs Ende des 17. Jhd. gesprengten Burganlage nebst verfallener Kirche passt schon ganz gut zu der Sage. Während meines Besuches war die Dame allerdings gerade aushäusig. Auf dem weiteren Weg nach Norden komme ich noch in Olustvere am Anwesen derer von von Fersen vorbei. Von 1734 bis 1918 in Familienbesitz ist Olustvere eines der am besten erhaltenen Herrenhäuser in Estland. In dem 20 ha großen Park mit Nebengebäuden kann man auf seine persönliche Zeitreise gehen. Und wieder einmal zeigt sich, daß der Herbst seinen eigenen Reiz als Reiseland für diese Region hat. Alles wirkt anmutig, ruhig und wunderbar sanft.
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